Liberating Structures – noch ein Buzzword?

Wie generiert man innerhalb kürzester Zeit ein paar wenige, dafür aber fundierte Ideen, Anliegen oder Bedürfnisse, die bereits von einer (Ziel-)Gruppe diskutiert und weiterentwickelt wurden? Sollten Sie sich nun dabei ertappt fühlen sofort auf die altbekannten Formate wie Brainstormings, offene Gruppendiskussionen oder Fokusgruppen zurückzugreifen, so lassen Sie sich von dem folgenden Artikel um eine weitere Variante bereichern, welche den Schwächen wie Aufwand, Zeit oder beeinflussende soziale Gruppendynamiken der bisherigen durch einen etwas anderen Twist der Herangehensweise vorbeugt.

Der Grundgedanke: Man befreit die Generierung von Ideen von Einschränkungen, indem sie still generiert und danach in immer größer werdenden Kleingruppen vorgestellt, diskutiert und weiterentwickelt werden. Die besten Ideen treten im großen Plenum gegeneinander an.

Anstatt dem Moderator oder dem dominantesten Charakter der Teilnehmer zu viel Raum zu geben, lässt man die Gruppe zunächst explorieren, bewerten und dann sprechen – und zwar jeden einzelnen Teilnehmer von der ersten bis zu besten Idee.

Dieses Set an Methoden stellt eine ideale Erweiterung der bisherigen Herangehensweise bspw. im Bereich Innovationsmanagement oder Kundenbedarfsanalyse dar (Was möchtest du, was brauchst du tatsächlich oder welche Lösung siehst du für ein bestehendes Problem?). Somit stellen Liberating Structures eine gewinnbringende Alternative im modernen agilen Arbeitsumfeld dar, und lässt uns Innovationen in der Zusammenarbeit erfahren.

Was sind Liberating Structures?

Liberating Structures sind ein Methodenkoffer, um die Art und Weise wie wir uns täglich besprechen nachhaltig zu verbessern und zu ändern.

Sie bieten einen methodischen Ansatz, der auf spielerische Art und Weise erlaubt, die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Personen (und Rollen im Unternehmen) zu ermöglichen. Damit soll die kollektive Intelligenz aktiviert werden, um die Probleme und Herausforderungen dort zu lösen wo sie entstehen, durch wertschätzenden Austausch aus unterschiedlichen Perspektiven.

Liberating Structures sind von Keith McCandless und Henri Lipmanowicz zusammengetragen. Sie haben Ihre Arbeit auf der Webseite http://www.liberatingstructures.com unter der Creative Common Lizenz veröffentlicht.

Im Arbeitsalltag sind wir von Strukturen umgeben. Sei es das Bürogebäude, in dem wir unseren Arbeitsplatz haben, oder der Fahrplan der lokalen Verkehrsbetriebe. Alles ist auf seine Art organisiert und wird betrieben, um unsere Aktivitäten zu unterstützen, zu lenken, aber auch einzuschränken. Diese Makrostrukturen nehmen wir unmittelbar wahr, wenn der Bus zu spät kommt oder der Fahrstuhl außer Betrieb ist.

Wir neigen dazu, uns viel weniger bewusst zu sein für kleinere Strukturen, die unsere Interaktionen mit anderen Menschen beeinflussen. Wir nennen sie Mikrostrukturen.

In Unternehmen finden Sie häufig Mikrostrukturen: Präsentationen, offene Diskussionen oder Brainstorming-Sitzungen. Aber auch Statusberichte oder Lenkungskreise sind Methoden, die Gespräche und Meetings steuern, kontrollieren oder die Zusammenarbeit von Gruppen regeln.

Häufig limitieren diese Strukturen jedoch die Entwicklung von innovativen Gedanken und Lösungswegen, da sich soziale Gruppen ihren eigenen Regeln untergeben bzw. fügen. Beispielsweise wird Führungskräften oder dominanten Persönlichkeiten wesentlich mehr Raum zugesprochen als stilleren Teilnehmern mit ebenso guten Ideen.

Die im Folgenden vorgestellte Methode der Liberating Structures kann hierbei unterstützen in kurzer Zeit viele Ideen zu generieren, diese in Kleingruppen zu bewerten sowie weiterzuentwickeln und schließlich die besten Ideen im großen Plenum gegeneinander antreten zu lassen.

Wie funktionieren Liberating Structures?

Der Methodenkoffer besteht aktuell aus 33 Mikrostrukturen, die in Ihren Regeln und Abläufen sehr einfach gehalten sind. Jede dieser Structures basiert auf fünf Design-Elementen, die im Folgenden vorgestellt werden.

Mein persönlicher erster Berührungspunkt mit LS war die 1-2-4-All-Structure. Es erlaubt in weniger als 15 Minuten alle einzubeziehen und Ideen, Fragen oder Vorschläge zu generieren.

Der Ablauf dabei orientiert sich an den oben erwähnten Design-Elementen und könnte folgendermaßen aussehen:

(1) Invitation

Eine strukturierte Einladung in Form einer Frage, die es zu lösen gilt. Beschreiben Sie hierbei das Problem oder die Herausforderung, die Sie bearbeiten möchten. Stellen Sie anschließend eine Frage.

„Wir haben für das Projektmanagement Jira eingeführt. In den Vergangenen acht Wochen haben alle Teilnehmer den Workflow in Jira kennengelernt. Welche Ideen oder Verbesserungen an dem Workflow sehen SIE?“

(2) Arrangement of Space

Wie ist der Raum angeordnet? Gibt es Stühle / Tische? Welche Arbeitsmaterialien benötigen wir?

In diesem Beispiel gibt es kein Limit für Personen. Wir benötigen Raum für die Teilnehmer, um von Angesicht zu Angesicht zu zweit und zu viert zu arbeiten. Hierfür sind Stühle und Tische nicht zwingend erforderlich. Papier und Stift für das Aufschreiben von Notizen.

(3) Distribution of Participation

Jeder Teilnehmer (bis auf der Moderator) wird eingebunden. Das fordert und fördert die gleichberechtigte Teilnahme und lässt somit auch stilleren Ideengebern genügend Chance sich einzubringen

(4) Configuration of Groups

Wie setzen sich die Gruppen für die gewählte Struktur zusammen?

In diesem Fall beginnt jeder für sich alleine, dann zu zweit, dann zu viert und dann die ganze Gruppe.

(5) Sequence of Steps and Allocation of Time

Welche Schritte werden unternommen und wieviel Zeit pro Schritt steht zur Verfügung?

Bei der 1-2-4-all-Variante erfolgt dies folgendermaßen:

    1. Jeder Teilnehmer beantwortet für sich in stiller Selbstreflektion die gestellte Frage / Herausforderung.
      z.B. „Welche Ideen oder Verbesserungen an dem Workflow sehen SIE?“  (1 Minute)
    2. Suchen Sie sich einen Partner und stellen Sie Ihre Idee / Ihren Vorschlag vor. Bauen Sie auf Ihren Ideen auf und entwickeln diese weiter.  (2 Minuten)
    3. Als Paar suchen Sie sich ein anderes Paar und teilen Sie Ihre Ideen in dieser Gruppe. Welche der vorgestellten Ideen haben Gemeinsamkeiten? Welche Unterschiede können Sie feststellen?  (4 Minuten)
    4. Als Moderator fragen Sie am Ende der dritten Runde: „Welche Idee / welcher Vorschlag ist in Ihrer Gruppe besonders aufgefallen?“
      Jede Gruppe stellt hierbei eine Idee vor. Dieser Zyklus kann bei Bedarf auch wiederholt werden.  (5 Minuten)

Neben diesen Design-Elementen finden wir auch die Prinzipien der Liberating Structures, mit dem Ziel alle Menschen produktiv und offen einzubeziehen.

Oft fällt genau das schwer, da wir mit unseren eigenen Mikrostrukturen (meist in Form von ungeprüften Gewohnheiten) diese Interaktion ersticken.

Die Verwendung von „Befreiungsstrukturen“ macht es relativ einfach und praktisch, dieses Prinzip besser zu leben:

  • Include and Unleash Everyone
  • Practice Deep Respect for People and Local Solutions
  • Build Trust As You Go
  • Learn by Failing Forward
  • Practice Self-Discovery Within a Group
  • Amplify Freedom AND Responsibility
  • Emphasize Possibilities: Believe Before You See
  • Invite Creative Destruction To Enable Innovation
  • Engage In Seriously-Playful Curiosity
  • Never Start Without a Clear Purpose

Hier wird durch die Gründer der Liberating Structures unterschieden zwischen Must Do’s und Must NOT Do’s. Alles mit dem Ziel seine eigenen Strukturen nachhaltig zu öffnen.

Warum es mehr als ein Buzzword ist

Ein Buzzword steht für:

„[…Wörter oder kurze Phrasen, die benutzt werden, um bestimmte Sachverhalte prägnant und überzeugend mitzuteilen. Da ihrem Gebrauch eine (unbewusste) Überzeugungsabsicht zugrunde liegt, verknappen oder vereinfachen diese Wörter den beschriebenen Sachverhalt oft auf zweifelhafte Weise zugunsten des Wohlklangs und zu Lasten der vermittelten Information. […]“


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlagwort_(Linguistik)

Der oben geschilderte Ablauf hat 12 Minuten.

In 12 Minuten bekommen Sie bei 20 Teilnehmern fünf Ideen / Vorschläge, die bereits besprochen, diskutiert und weiterentwickelt wurden.
Sie haben…

  • alle Teilnehmer mit einbezogen,
  • das Wissen sowie die Phantasie aller Teilnehmer aktiviert und
  • offene sowie kreative Gespräche unter den Teilnehmern erzeugt.

Am wichtigsten ist, dass die Teilnehmer die Ideen besitzen, so dass die Nachbereitung und Umsetzung vereinfacht wird. Unklarheiten oder Rückfragen können direkt adressiert und geklärt werden.

In 12 Minuten. Einfach und elegant! Und nicht inhaltsleer.

Gastbeitrag: Joachim Schenk

In meiner beruflichen Vita durfte ich unterschiedliche Modelle der Arbeitsorganisation kennen lernen. Auf dem Bauernhof gab das Patriachat den Ton an, in der Ausbildung war es der Meister vom „alten Schlag“. Die ersten Anstellungen, getrieben von eifrigen Projektleitern / Vorgesetzten, hin zu Konzernstrukturen, die ein Hinterfragen nicht gerne gesehen haben.

Rückwirkend betrachtet fing die Arbeitsform Teamwork in der Ausbildung an.
Es ging weiter im Studium, mit Selbstorganisation, Brainstormings und offenen Diskussionen zur Problemlösung in studentischen Initiativen und Gremien. Studienleistungen in Gruppenarbeiten wurden in cross-funktionalen Teams erledigt. Die damals intuitive Organisation von Gruppen und Arbeit fasziniert mich heute mehr als es mir zur Jahrtausendwende bewusst war.

Mich umtreibt der Gedanke, mit welcher Systemlandschaft / Tool-Chain / Arbeitsmitteln wir die Art von Digitaler Collaboration stützen können, um diese „neue“ Art der Arbeit, den Wandel in den Unternehmen, erleichtern sowohl Menschen als auch Organisationen auf dem Weg durch die Digitale Transformation nachhaltig zu begleiten.