New Work – Worum geht es wirklich wirklich?

In den letzten Jahren, mit der zunehmenden Digitalisierung, ist der Begriff „New Work“ aus seinem Nischendasein herausgetreten und neu belebt worden. Allerdings wird er nun fast inflationär verwendet und allgemein mit „Arbeit 4.0“ gleichgesetzt. Darunter werden sowohl die von Frithjof Bergmann erdachten Konzepte des selbstbestimmten und sinnhaften Arbeitens gesehen, ganz zum Leid von dem Philosophie-Professor und Begründer der «New Work»-Bewegung. „New Work wird heute wie Lohnarbeit im Minirock gehandhabt." Auch auf der New Work Experience wurde das Thema heiß diskutiert. Meine Erfahrungen und Sichtweisen teile ich hier gern mit Ihnen.

Der Begriff „New Work“ wurde von dem in Deutschland geborenen, amerikanischen Philosophieprofessor Frithjof Bergmann Ende der 70er Jahre geprägt. Seine Erkenntnisse findet man zusammengefasst in seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“, welches hier besprochen wird.

Bergmann’s zentraler Gedanke ist, dass mit dem Ende der Industrialisierung der Bedarf an klassischer Lohnarbeit stark zurück geht. Automatisierung macht diese Lohnarbeit überflüssig. Lohnarbeit selbst ist in Bergmann’s Augen nicht sinnstiftend. Gleichzeitig ermöglicht die Automatisierung, dass wir Dinge, die wir zum Leben benötigen, selbst herstellen können und damit unabhängiger und freier werden (Frithjof Bergmann hat Ende der 70er Jahre sozusagen bereits den 3D-Drucker und ähnliche Technologien vorhergesehen). Die freiwerdende Zeit sollte nicht stillgelegt werden, sondern genutzt werden, um Dinge zu tun, die wir „wirklich, wirklich wollen“.

1984 gründete Bergmann das erste „Zentrum für neue Arbeit“ in Flint Michigan. Eine dortige Fabrik musste die Hälfte ihrer Belegschaft entlassen. Bergmann’s Idee war es, niemanden zu entlassen und stattdessen die Belegschaft jeweils ein halbes Jahr in der Fabrik arbeiten zu lassen und ein halbes Jahr in seinem „Zentrum für neue Arbeit“. Dort sollten die Menschen einer Tätigkeit nachgehen, die sie „wirklich, wirklich wollen“. Aufgabe der „Zentren für Arbeit“ und später allgemeiner von Arbeitgebern der neuen Arbeit sei es, den Menschen zu helfen, herauszufinden, was sie „wirklich, wirklich wollen“. Der Ansatz in Flint ist allerdings versandet und auch in den Folgejahren konnte Bergmann seine Ideen nicht in größerem Maße umsetzen.

In den letzten Jahren, mit der zunehmenden Digitalisierung, ist der Begriff „New Work“ aus seinem Nischendasein herausgetreten und neu belebt worden. Allerdings wird er nun fast inflationär verwendet und allgemein mit „Arbeit 4.0“ gleichgesetzt. Darunter werden sowohl die von Frithjof Bergmann erdachten Konzepte des selbstbestimmten und sinnhaften Arbeitens gesehen, allerdings bisweilen auch alle möglichen Formen und Ausprägungen modernen Arbeitens wie z.B. Homeoffice, Kickertische, mobiles Arbeiten, flexible Arbeitszeiten, flache oder keine Hierarchien, Collaboration-Werkzeuge und Desk-Sharing. Z.T. werden auch agile Methoden und Design Thinking in Verbindung mit „New Work“ gebracht (siehe auch dieses Glossar).

Frithjof Bergmann ist übrigens nicht begeistert über diese Verwässerung seines „New Work“-Begriffes, wie man z.B. diesem Interview hier entnehmen kann. Auch Frederic Laloux, Vorreiter des selbstorganisierten Unternehmens, spricht in seiner Keynote auf der New Work Experience 2019 davon, dass „New Work“ kein Methodenkoffer, sondern eine Haltung sei.

Es gibt mittlerweile durchaus Beispiele, die den ursprünglichen Gedanken von „New Work“, also dem sinnhaften Arbeiten, verwirklicht haben. Oft genannt wird dabei die Hotelkette „Upstalsboom“. Auch die Open-Source-Bewegung zeigt sehr gut, wozu Menschen imstande sind, wenn sie Sinn hinter ihrer Arbeit sehen.

Ich selber bin nicht „religiös“, was das Thema „New Work“ angeht. Ich glaube schon, dass Homeoffice, flexible Arbeitszeiten und selbst der mittlerweile als Symbol eher kritisierte Kickertisch zu einem guten Arbeitsklima und ein stückweit auch zu mehr Freiheit der Mitarbeiter beitragen können. Entsprechend haben wir diese Dinge in unserem Unternehmen umgesetzt und möchten sie auch nicht missen.

Auch Methoden und Tools gehören meiner Meinung nach dazu: Diverse, „mixed“ Teams, die projektorientiert und agil arbeiten, liefern nicht nur bessere und kreativere Ergebnisse, sie führen auch zu mehr Freude an der Arbeit. Eine vernetzte Infrastruktur und die richtigen digitalen Werkzeuge zur Collaboration sind dazu eine notwendige Voraussetzung.

Aber natürlich sind diese Dinge nicht der Kern des „New Work“ und ersetzen auch nicht den Sinn der Arbeit. „Sinn“ darf aber auch nicht einfach auf ein bestehendes Geschäftsmodell draufgesetzt, sozusagen „überlackiert“ werden. Den Sinn der Tätigkeit herauszuarbeiten und in Einklang mit den persönlichen Wünschen aller Mitarbeiter zu bringen sehe ich tatsächlich als die wesentliche Aufgabe moderner Unternehmen. Ich möchte keine „Lohnarbeiter“ in unserem Unternehmen haben, die nur Zeit gegen Geld tauschen. In unserem Unternehmen soll man sich entwickeln können und Freude daran haben, die Arbeitswelt von Menschen ein stückweit besser zu machen. Wenn das gegeben ist, entsteht ein „Flow“ der am Ende dem Mitarbeiter und dem Unternehmen gleichermaßen nutzt.

Vielleicht kommen wir so Stück für Stück (also sozusagen agil) tatsächlich an das heran, was Frithjof Bergmann vor einigen Jahrzehnten noch als Utopie formuliert hat.

Marcus Schneider

Marcus Schneider

Vorstand GIS AG / Consultant bei GIS AG
Ich interessiere ich mich besonders für neue Arten der Zusammenarbeit, die selbstorganisierte Organisation und moderne Mitarbeiter-Führung.
Marcus Schneider