Warum ich als Chef auf mein Büro verzichte

„Vernetztes Denken, Kreativität und Selbstmanagement der Mitarbeiter sind entscheidend für die Innovationskraft von Unternehmen. Die neue Arbeitswelt ist eine Welt der Wissensarbeit und deshalb müssen wir Wissensarbeitern, die bestmöglichen Bedingungen für ihre Arbeit bieten“ – so schreibt Microsoft (siehe #worklifeflow *) und das bringt den allgemeinen Aufbruch in die Wissensgesellschaft und den damit verbundenen Wandel in eine neue Arbeitswelt gut auf den Punkt. Und so ist es nur konsequent, dass Microsoft diese Erkenntnis auch in einem neuen Bürokonzept umgesetzt hat (Smart Workspace).

In der neuen Deutschlandzentrale gibt es nun vier verschiedene Bereiche:

  • der Think Space als ein Rückzugsort für hochkonzentrierte Alleinarbeit
  • der Accomplish Space als Klassiker für Aufgaben, die erledigt werden müssen
  • der Share & Discuss Space für den kreativen Austausch und spontane Treffen
  • der Converse Space für die abstimmungsintensive Zusammenarbeit im Team

Auch in meinem Unternehmen haben wir vor rund drei Jahren ein ähnliches Bürokonzept umgesetzt.

Neben den oben beschriebenen Möglichkeiten im Büro zu arbeiten, kommt bei Microsoft, in vielen anderen Unternehmen und auch in meinem Unternehmen die Möglichkeit, im Homeoffice oder generell an anderen Orten zu arbeiten dazu. Eine sehr aktuelle Bitkom-Studie zeigt auf, dass 4 von 10 Unternehmen mittlerweile Homeoffice-Arbeit anbieten.

Wir machen insgesamt sehr gute Erfahrungen mit dem Homeoffice. Insbesondere Deep Work, also konzentrierte, fokussierte Arbeit an komplexen Aufgabenstellungen funktioniert sehr gut aus dem Homeoffice heraus. Für den Austausch und kreative Teamarbeit, aber auch für die Arbeit in agilen Teams an größeren Projekten sollte aber die gemeinsame Arbeit in einem Büro nicht unterschätzt werden. Trotzdem ist durch den „Homeoffice-Effekt“ die Nutzung unseres Büros deutlich zurückgegangen, so dass wir uns nun entschlossen haben, einen Teil unseres Büros unterzuvermieten. Bei der Gelegenheit haben wir erneut über unser Bürokonzept nachgedacht:

  • Deep Work

    Für Deep Work wird eher das Homeoffice genutzt als das gemeinsame Büro. Entsprechend benötigt ein Rückzugsort im Büro eher weniger Fläche.

  • Abarbeiten von Aufgaben mit gelegentlicher Kommunikation

    Auch das was Microsoft als „Accomplish-Space“ bezeichnet und was für die Erledigung von Aufgaben dienen soll, wandert bei uns oft in das Homeoffice, ganz einfach um unproduktive Reisezeit zu sparen. Für verteilte Zusammenarbeit bietet sich hierfür ein moderner, digitaler Arbeitsplatz, inkl. Chat, Social Media und Videokonferencing, entsprechende Möglichkeiten. Auch hier wird eher weniger Fläche benötigt.

  • Kreativer Austausch

    Der kreative Austausch, das Treffen an der Kaffeemaschine und die daraus entstehenden zufälligen Erkenntnisgewinne (Serendipity-Effekt), sowie das Aufkommen von Team-Spirit und mit dem Unternehmen verbundener Identität sind von unschätzbarer Wichtigkeit. Daher sollte das Büro Menschen zusammenführen und viel gemeinsam genutzten Platz bieten. Vielleicht ist dieser Aspekt dafür verantwortlich, dass einige amerikanische Unternehmen, darunter IBM, den Homeoffice-Trend bereits wieder etwas zurück drehen und auf Anwesenheit im Büro bestehen.

  • Büros für Führungskräfte?

    Im alten Büro gab es noch Einzelbüros für die Chefs. Warum eigentlich?

Warum brauchen Chefs eigentlich ein Büro?

Für Deep Work? Eher nicht. Als Führungskraft verbringt man ein Großteil der Zeit in Meetings und Abstimmungen. Für vertrauliche Gespräche? Ja, aber die kann man auch in Meeting-Räumen führen, von der wir in jeder Größe welche haben. Da ich oft unterwegs bin, ist zumindest mein Büro aktuell auch nicht besonders stark ausgelastet.

Am Ende müssen wir uns eingestehen, dass es vielleicht doch ein wenig der Statusgedanke war (oder weil man das halt so macht), der dazu geführt hat, den Chefs eigene Büros zuzugestehen.

Aber ist Status wirklich ein gutes Argument? Ich glaube, man kann die Bedeutung von Führung und damit auch von Status nicht gänzlich negieren, aber die klassische hierarchische Führung hat doch ausgedient. Sog. „Servant Leader“ führen ohne Status und helfen Teams dabei, selbständig zum Erfolg zu kommen. „Leaders eat last“ sagt Simon Sinek. Insofern habe ich mich im Rahmen der Neustrukturierung unseres Büros gegen ein Einzelzimmer entschieden.

Marcus Schneider

Marcus Schneider

Vorstand GIS AG / Consultant bei GIS AG
Ich interessiere ich mich besonders für neue Arten der Zusammenarbeit, die selbstorganisierte Organisation und moderne Mitarbeiter-Führung.
Marcus Schneider